Als Dr. Motte auf der Straße des 17. Juni vor Hunderttausenden Menschen stand und sein DJ-Set spielte, war klar: Der Mann, der 1989 mit nur 150 Techno-Fans die erste Loveparade über den Ku'damm führte, hat nichts von seiner Leidenschaft verloren1. Matthias Roeingh, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, kämpft heute mit derselben Energie für elektronische Musikkultur, nur eben auf neue, bewusstere Weise.
Doch wer ist dieser Mann wirklich, der als "Vater der Loveparade" weltberühmt wurde und jetzt still und leise von Berlin-Spandau aus eine ganz neue Bewegung prägt? Ein Spandauer, der die Welt veränderte und immer noch nicht aufgehört hat. Eine ähnliche Spandauer Musikbiografie führt Bela B von den Ärzten seit Jahrzehnten weiter.
Von Spandau in die Musikgeschichte
1960 wurde Matthias Roeingh in Berlin-Spandau geboren2. Der Weg zum legendären DJ war ungewöhnlich: Sechs Jahre arbeitete er als Betonbauer, bevor er 1985 als Discjockey anfing. Er nahm seine Lieblingsmusik aus dem Radio auf Kassetten auf und verkaufte sie in den Kneipen von Kreuzberg. Die Menschen liebten das, was er spielte.
Den Künstlernamen "Dr. Motte" bekam er 1991 auf humorvolle Weise geschenkt: Als Afterhour-DJ in einem Berliner Club verzauberte er die Gäste derart, dass ihm jemand ein graviertes Metallschildchen schenkte – "Dr. Motte, Psychiatrische Abteilung". Der Spandauer lachte und behielt den Namen.
Das Genie hinter "Friede, Freude, Eierkuchen"
Die erste Loveparade am 1. Juli 1989 war nicht einfach eine Party. Dr. Motte wollte eine neue Form der Demonstration schaffen, nicht "gegen" etwas, sondern "für" etwas. "Friede, Freude, Eierkuchen" war das Motto, übersetzt in echte politische Forderungen: Frieden und Abrüstung, Musik als Mittel der Verständigung, gerechte Nahrungsmittelverteilung.
Mit 150 Teilnehmern fing alles an. Im Jahr 1999 lockte die Loveparade dann eineinhalb Millionen Menschen an. Was Dr. Motte erschaffen hatte, war mehr als eine Party, es war eine friedliche Jugendbewegung unter elektronischer Musik.
Was Dr. Motte heute macht
Seit 2006 hat sich Roeingh aus dem ursprünglichen Loveparade-Organisationsteam zurückgezogen, weil die Veranstaltung zur "Dauerwerbesendung" geworden war. Doch aufgehört hat er nicht. Stattdessen gründete er mit seiner Ehefrau Ellen Dosch-Roeingh die Rave The Planet gGmbH, ein Non-Profit-Projekt, das jährliche Techno-Paraden in Berlin organisiert3.
Die Mission ist klar: die elektronische Tanzmusikkultur bewahren und dabei die Welt ein wenig besser machen. Bei der Rave The Planet Parade 2024 am 17. August spielte Dr. Motte sein DJ-Set "Love is stronger" und hielt eine Eröffnungsrede. Die Parade zog Hunderttausende an, und bemerkenswerterweise produzierte sie nur 107 Kubikmeter Müll – weniger als im Vorjahr, obwohl noch mehr Menschen kamen.
"Wir demonstrieren heute für unsere Kultur und deren Erhalt", sagte Dr. Motte nach der Parade 2024. "Das war erst der Anfang. Wir können uns darauf nicht ausruhen, sondern wir müssen auch weitermachen."
Kultur auf höchster Ebene anerkannt
Ein großer Moment für Dr. Motte und seine Mission: 2024 wurde die Berliner Technokultur in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen. Das ist der Höhepunkt von jahrzehntelanger Arbeit, die elektronische Tanzmusik endlich als vollwertige Kunstform anerkannt zu sehen.
Die Forderungen, die Dr. Motte bei den Paraden aufstellt, sind konkret: Schutz von Clubs und Veranstaltungsorten, ein Feiertag für elektronische Musikkultur, Frieden und Abrüstung. Frieden soll nach seinen Worten nicht nur gefordert, sondern auch gelebt werden, auf dem Dancefloor wie im richtigen Leben, erklärt der heute 65-Jährige.
Was kommt als nächstes?
Für 2025 ist die nächste Rave The Planet Parade bereits geplant – für den 12. Juli. Dr. Motte und sein Team arbeiten weiter daran, die elektronische Musikkultur zu schützen und zu feiern. Die gGmbH sucht auch Spender, um diese wichtige Arbeit fortzusetzen.
Der Junge aus Spandau, der einmal als Betonbauer arbeitete, hat es geschafft: Er hat nicht nur eine Bewegung gegründet, die Millionen Menschen berührt hat, er prägt sie immer noch, älter geworden, aber nicht weniger leidenschaftlich. "Demonstrieren heute für unsere Kultur und deren Erhalt", sagt er immer wieder. Und man glaubt ihm jedes Wort.