Vor 60 Jahren, am 6. April 1966, steuerten zwei sowjetische Piloten ihr havariertes Flugzeug bewusst in den Stößensee und retteten damit Hunderte Spandauer vor einer Katastrophe.1 Anlässlich des 60. Jahrestags am 6. April 2026 wurde in Spandau dieser vergessenen Helden gedacht, die mitten im Kalten Krieg Menschlichkeit über Befehle stellten.
Die Brücke über den Stößensee, direkt zwischen Charlottenburg und Spandau, verbindet nicht nur Stadtteile, sondern ist Schauplatz einer Geschichte, die uns alle betrifft. Friedemann Gillert aus Eberswalde ruft zum Gedenken auf, weil diese Tat in Deutschland fast in Vergessenheit geraten ist.
Ein fatales Manöver über Spandau
Hauptmann Boris Wladimirowitsch Kapustin und Oberleutnant Juri Nikolajewitsch Janow starteten um 15:20 Uhr vom Militärflugplatz in Finow, einem Ortsteil von Eberswalde, mit einer geheimen Jak-28P nach Köthen.2 Zwölf Minuten später, über Berlin in 4000 Metern Höhe, fielen beide Triebwerke aus, und die Maschine trudelte unkontrolliert Richtung Boden.
Augenzeugen in Spandau und Charlottenburg sahen, wie der Jet mehrmals abgefangen und hochgerissen wurde, bevor er sich in den Stößensee bohrte. Die Piloten ignorierten den Befehl, sich mit dem Schleudersitz zu retten. Stattdessen lenkten sie die rund 20 Tonnen schwere Maschine weg von den Hochhäusern und Wohngebieten, die nur wenige Hundert Meter entfernt lagen.
Letzte Funksprüche, abgehört von Alliierten: „Ruhig, ruhig, ruhig“, sagte Kapustin, dann „Wohin, Jurij?“ Beide ließen Frauen und Kinder zurück, Janow sogar ein einjähriges Kind.
Helden im Kalten Krieg – und fast vergessen
Im Kalten Krieg wurde die Tat von Geheimdiensten verharmlost oder verdreht. Erst Jahre später kam die Wahrheit ans Licht: Diese sowjetischen Offiziere wählten den Tod, um Spandauer zu schützen. Warum erinnern wir uns nicht öfter daran, gerade hier in Spandau, wo der Absturz am nächsten dran war?
Gillert, der aus Eberswalde stammt und die Piloten als Teil seiner Heimat sieht, fragt zu Recht: „Warum müssen wir uns den Gesetzen der erneuten Kriegslogik beugen?“ Egal, wie Politiker streiten, Menschen sollten positiv aneinander denken, von Berlin bis Moskau.
Gedenkorte in Spandau und Umgebung
Vier Tafeln mahnen an die Helden: Direkt an der Stößenseebrücke in Spandau, im Luftfahrtmuseum Finowfurt, auf dem Garnisonsfriedhof Eberswalde und die alte Brückentafel im Schaudepot der Zitadelle Spandau.
Die Berliner Tafel war defekt, Buchstaben von Möwenkot zerfressen. Dank Spenden der Bürgerstiftung Barnim-Uckermark wurde sie 2025 neu gegossen und am 19. Februar angebracht. „Durch ihren selbstlosen Einsatz vermieden sie eine unabsehbare Katastrophe“, heißt es dort.3
In Finow steht neben einer alten Jak-28 ein Stein: „In Gedenken an alle Opfer des Kalten Krieges“. Spandau darf stolz sein, denn diese Brücke ist ein Symbol der Versöhnung.
Aufruf zum Gedenken – heute und morgen
Friedemann Gillert hatte zum 60. Jahrestag am 6. April 2026 ein Gedenken auf der Brücke zwischen Charlottenburg und Spandau organisiert. Wer den Ort besuchen möchte, kann dort Blumen ablegen und die Geschichte weitertragen. Der Sohn von Kapustin, Walerij Borissowitsch, lebt in Moskau, eine menschliche Brücke zwischen den Ländern.
Als Spandauer fühlen wir das nah: Nur durch dieses Opfer stehen unsere Häuser noch. Lassen wir die Politiker zanken, hier geht es um Menschlichkeit. Gillert ist Pazifist, und er hat recht: Solche Taten verbinden uns über Grenzen hinweg.
Quellen und weiterlesen
Mehr dazu bei Deutschlandfunk: Berichte von Dr. Dornblüth. Bücher wie „Ruhmlose Helden“ von Dornblüth und Franke (ISBN 978-3-89809-199-2) oder „Im Himmel über Berlin“ von Agarew u.a. (ISBN 978-5-89877-201-7).
In Spandau, unserer Heimat, erinnern wir uns: Danke, Kapustin und Janow. Eure Tat lebt weiter, lasst sie uns nicht vergessen.