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Spandau Lost Places: 12 vergessene Orte im Bezirk

Eine erzählerische Reise zu den verschwundenen, stillgelegten und überwucherten Orten im Berliner Westen.

Von Matthias Wenniger | 16. Juni 2026
Spandau Lost Places: 12 vergessene Orte im Bezirk © A.Savin / Wikimedia Commons (Free Art License)
Die stillgelegte Siemensbahn am Bahnhof Gartenfeld: zwischen den Gleisen wächst längst der Wald.

Spandau war jahrhundertelang preußische Garnisons- und Rüstungsstadt, ab 1945 britischer Sektor, Standort des berüchtigten Alliiertengefängnisses und industrielles Herz im Westen Berlins. Diese Dichte an Funktionen hat eine Dichte an Ruinen hinterlassen.

Wir gehen den bekanntesten und stillsten Spandauer Lost Places nach, ohne zum Betreten gesperrter Areale aufzurufen. Hintergrund liefert die Geschichte Spandaus.

Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.

Was dich erwartet

1. Alliiertengefängnis Wilhelmstraße

Der Haupteingang des Alliiertengefängnisses an der Wilhelmstraße, wenige Jahre vor dem Abriss 1987.
Der Haupteingang des Alliiertengefängnisses an der Wilhelmstraße, wenige Jahre vor dem Abriss 1987. Foto: Bauamt Süd, Einofski / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Wilhelmstraße zwischen Smuts- und Brunsbütteler Damm
  • Erbaut: 1876 als preußisches Militärgefängnis
  • Abgerissen: 1987 nach dem Tod von Rudolf Heß
  • Heute: Britannia Centre Spandau, kein Denkmal

Kein anderer Spandauer Ort hat so viel internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ab 1947 saßen hier die im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess Verurteilten ihre Strafen ab, darunter Albert Speer, Karl Dönitz und Rudolf Heß.1

Nach dem Tod von Heß im August 1987 beschlossen die Alliierten den vollständigen Abriss, der Schutt wurde zermahlen und in der Nordsee verklappt, um eine Wallfahrtsstätte für die rechtsextreme Szene zu verhindern.

2. Britische Kasernen am Brunsbütteler Damm

Lage der ehemaligen britischen Kasernen in der Wilhelmstadt am Brunsbütteler Damm.
Lage der ehemaligen britischen Kasernen in der Wilhelmstadt am Brunsbütteler Damm. Foto: Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)
  • Lage: Wilhelmstadt und Brunsbütteler Damm
  • In Betrieb: 1945 bis 1994
  • Wichtigste Standorte: Smuts, Wavell, Brooke, Alexander Barracks
  • Heute: teils Wohnbebauung, teils zivile Nutzung

Über fast fünf Jahrzehnte unterhielt die Britische Rheinarmee in Spandau ein dichtes Netz an Kasernen, Wohnsiedlungen und Versorgungsbauten. Nach dem Vier-plus-Zwei-Vertrag zogen die Briten 1994 ab.2

Wavell Barracks wurden weitgehend abgerissen und durch Wohnbebauung ersetzt, Brooke Barracks gingen in die zivile Nutzung über. Vereinzelte Wachgebäude und britische Schriftzüge sind noch heute zu erkennen.

3. Pulverfabrik auf der Insel Eiswerder

Die Insel Eiswerder in der Havel, heute Standort für Ateliers und Kreativwirtschaft.
Die Insel Eiswerder in der Havel, heute Standort für Ateliers und Kreativwirtschaft. Foto: Denis Apel / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Lage: Insel in der Havel zwischen Haselhorst und Hakenfelde
  • In Betrieb: 19. Jh. bis 1945
  • Heute: Künstlerateliers, Architekturbüros, Filmproduktionen
  • Zugang: Brücke vom Haselhorster Ufer, viel Privatgelände

Die Insel Eiswerder ist einer der atmosphärischsten Industrie-Orte Berlins. Ab dem 19. Jahrhundert betrieb hier die Heeresverwaltung eine Pulver- und Munitionsfabrik. Backsteinhallen, Magazine mit dicken Erdwällen und schmale Werkbahnen verteilen sich über die gesamte Insel.3

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich Eiswerder zu einem Standort für Kreativwirtschaft entwickelt, ohne dass der morbide Reiz der alten Industriebauten verloren ging.

4. Königliche Pulverfabrik in Haselhorst

Der erhaltene Wasserturm der ehemaligen Königlichen Pulverfabrik in Haselhorst.
Der erhaltene Wasserturm der ehemaligen Königlichen Pulverfabrik in Haselhorst. Foto: Leonhard Lenz / Wikimedia Commons (CC0)
  • Lage: zwischen Daumstraße, Haselhorster Damm und Saatwinkler Damm
  • In Betrieb: Mitte 19. Jh. bis 1945
  • Heute: abgesperrte Betriebsgrundstücke, eingewachsene Backsteinbauten
  • Zugang: nur Außenansicht entlang Hohenzollernkanal

Auf dem Festlandsareal entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts Produktionsbauten, Magazine und Verwaltungsgebäude. Im Ersten Weltkrieg arbeiteten hier Tausende.4

Heute sind einzelne historische Backsteinbauten zu erkennen, oft eingewachsen, mit blinden Fenstern und verbeulten Toren, meist auf abgesperrten Grundstücken. Ein Spaziergang am Hohenzollernkanal vermittelt einen Eindruck.

5. Königliche Gewehrfabrik und Wröhmännerpark

Das erhaltene Gebäude der einstigen Königlichen Gewehrfabrik am Havelufer.
Das erhaltene Gebäude der einstigen Königlichen Gewehrfabrik am Havelufer. Foto: Foersterin / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Havelufer nördlich der Schleuse
  • In Betrieb: ab 1722
  • Heute: Wröhmännerpark mit Werksbau-Resten, öffentlich zugänglich
  • Schutz: denkmalgeschützte Gebäudereste

Am Havelufer entstand ab 1722 ein riesiger Produktionskomplex für Infanteriewaffen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Spandau einer der wichtigsten Standorte der deutschen Rüstungsindustrie.5

Heute prägt der Wröhmännerpark mit Resten alter Werksbauten, Mauerstücken und Sichtachsen zum Wasser die Spuren dieser Vergangenheit. Manches ist saniert und beherbergt Wohnungen oder Büros, der Park selbst ist öffentlich zugänglich und einer der am leichtesten erlebbaren historischen Industrieorte Spandaus.

6. Stillgelegte Siemensbahn

Überwucherter Bahnsteig der stillgelegten Siemensbahn in Siemensstadt.
Überwucherter Bahnsteig der stillgelegten Siemensbahn in Siemensstadt. Foto: A.Savin / Wikimedia Commons (Free Art License)
  • Lage: Jungfernheide bis Gartenfeld, durch Siemensstadt
  • Eröffnet: 1929
  • Stillgelegt: 1980 (Reichsbahnstreik in Westberlin)
  • Status: Reaktivierung beschlossen, Bauvorbereitungen laufen

1929 eröffnete Siemens zusammen mit der Reichsbahn die kurze Stichstrecke zur Anbindung der Werke. Mit dem Reichsbahnstreik 1980 in Westberlin endete der Betrieb. Über vier Jahrzehnte verrosteten die Schienen, Bäume wuchsen zwischen den Schwellen.6

Die Reaktivierung ist politisch beschlossen, einzelne Brücken werden ertüchtigt oder ersetzt. Wer die Trasse noch im Zustand des klassischen Lost Place sehen will, hat nur noch ein begrenztes Zeitfenster.

7. Geisterbahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld

Der stillgelegte S-Bahnhof Wernerwerk, hier 1987 kurz nach dem Ende des Betriebs.
Der stillgelegte S-Bahnhof Wernerwerk, hier 1987 kurz nach dem Ende des Betriebs. Foto: Roehrensee / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Lage: entlang der Siemensbahn-Trasse
  • Status: seit 1980 still, vor Sanierung
  • Highlight: Bahnhof Wernerwerk mit Treppentürmen
  • Zugang: verboten, Bahnsteige weiterhin gesperrt

Drei eindrucksvolle Hochbahnhöfe gehören zur Siemensbahn. Sie alle stehen seit 1980 still, mit blinden Schaufenstern an den Aufgängen, leeren Bahnsteigen und blätternder Farbe. Besonders der Bahnhof Wernerwerk ist mit seinen markanten Treppentürmen ein vielfotografierter Sehnsuchtsort.7

Mit der Reaktivierung werden diese Bahnhöfe wieder belebt, einige denkmalgerecht saniert, andere ersetzt.

8. Mauer-Reste an der Stadtgrenze zu Falkensee und Staaken

Grenzanlagen mit Wachturm und Postenweg in Staaken, 1986.
Grenzanlagen mit Wachturm und Postenweg in Staaken, 1986. Foto: Florian Schäffer / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Westliche Außengrenze Spandaus
  • In Betrieb: 1961 bis 1989
  • Heute sichtbar: Berliner Mauerweg, einzelne Wachturmsockel
  • Tipp: Per Rad von Staakener Heerstraße Richtung Falkensee

Spandau hatte eine ungewöhnlich lange Außengrenze zur DDR. Heute sind nur noch wenige originale Mauerelemente erhalten, etwa in Staaken am Bergstraßendreieck. Wesentlich besser sichtbar sind die alten Postenwege und einzelne Wachturmsockel.8

Wer den Mauerweg von der Staakener Heerstraße Richtung Falkensee nimmt, durchquert ein ehemaliges Sperrgebiet, in dem die Spuren der Teilung noch lesbar sind. Ein unspektakulärer und gerade deshalb berührender Lost Place.

9. Geisterbahnhof Staaken

Grenzanlagen am Bahnhof Staaken, 1986: Mauer, Postenweg und ein einfahrender Zug.
Grenzanlagen am Bahnhof Staaken, 1986: Mauer, Postenweg und ein einfahrender Zug. Foto: Roehrensee / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Bahnhof Staaken an der Lehrter Bahn
  • Geschichte: Grenzbahnhof 1945 bis 1990
  • Heute: regulärer S-Bahn-Halt, Restsubstanz im Umfeld
  • Spuren: alte Bahnsteigkanten, Stellwerke, Grenzanlagen

Nach 1945 verlief die Grenze zwischen britischem Sektor und sowjetischer Zone mitten durch Staaken. Der Bahnhof wurde zum Grenzbahnhof, viele Westberliner fuhren auf dieser Strecke nach Hamburg, mit Kontrollen und abgedunkelten Fenstern.9

Nach 1990 normalisierte sich die Lage. Reste alter Bahnsteigkanten, Stellwerke und Grenzanlagen sind aber bis heute im Umfeld erkennbar, oft eingewachsen und ungenutzt.

10. Brachen und Hallen in Siemensstadt

Das Wernerwerk-Hochhaus am Siemensdamm, Wahrzeichen der historischen Industrie in Siemensstadt.
Das Wernerwerk-Hochhaus am Siemensdamm, Wahrzeichen der historischen Industrie in Siemensstadt. Foto: Alexrk2 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: rund um Wernerwerk, Schaltwerk, Dynamowerk
  • Status: teils seit 1990ern leer, jetzt im Umbau
  • Heute: Großbaustelle Siemensstadt Square
  • Zeitfenster: letzte Jahre vor vollständigem Umbau

Bis vor wenigen Jahren prägten leerstehende Hallen, brachliegende Höfe und verriegelte Werkstore das Bild rund um die historischen Spandauer Werke. Manche Bauten standen seit den 1990er Jahren ungenutzt, mit verstaubten Maschinenresten und ausgebleichten Hinweisschildern.10

Mit Siemensstadt Square verändert sich das Bild rapide. In wenigen Jahren wird der klassische Spandauer Industrie-Lost-Place hier weitgehend Geschichte sein.

11. BMW-Werk und seine Vorgeschichte

Ein 1936 bei den Brandenburgischen Motorenwerken gebauter Bramo-323-Fafnir-Sternmotor, heute im Museum.
Ein 1936 bei den Brandenburgischen Motorenwerken gebauter Bramo-323-Fafnir-Sternmotor, heute im Museum. Foto: Zenwort / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Lage: Juliusturm, Haselhorst
  • Vorgeschichte: Brandenburgische Motorenwerke AG ab 1928
  • NS-Zeit: Flugzeugmotoren mit Zwangsarbeit
  • Heute: aktives BMW-Motorradwerk, Randzonen mit Lost-Place-Charakter

Das BMW-Werk Berlin ist alles andere als ein Lost Place. An gleicher Stelle stand seit 1928 die Brandenburgische Motorenwerke AG, im Zweiten Weltkrieg wurden hier Flugzeugmotoren mit Zwangsarbeit gefertigt.11

Wer entlang der Daumstraße oder am Hohenzollernkanal geht, sieht alte Werksmauern, vergessene Wachhäuschen und denkmalgeschützte Backsteinensembles, die heute kaum noch genutzt werden, ein Stück Industriegeschichte eng verbunden mit Krieg und Zwangsarbeit.

12. Tiefwerder, Ruhleben und die alte Trabrennbahn

Die Tiefwerder Wiesen im Süden Spandaus, ein stilles Feuchtgebiet zwischen Wasserläufen.
Die Tiefwerder Wiesen im Süden Spandaus, ein stilles Feuchtgebiet zwischen Wasserläufen. Foto: Lienhard Schulz / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Süden Spandaus, zwischen Pichelsdorf und Ruhleben
  • Tiefwerder Wiesen: Naturschutzgebiet
  • Trabrennbahn Ruhleben: Ende 19. Jh. bis Mitte 20. Jh.
  • Heute: Mischung aus Klärwerk, Naturschutz, Restbauten

Im Süden Spandaus liegt ein Bereich aus Wiesen, Wasserläufen und alten Industrieflächen, der vielen Berlinern kaum bekannt ist. Daneben ziehen sich Klärwerk und vergessene Lagerflächen entlang des Spreebogens.12

Auf Ruhlebener Seite betrieb der Verein für Hindernisrennen ab Ende des 19. Jahrhunderts die Trabrennbahn Ruhleben. Heute ist von der ursprünglichen Bahn kaum noch etwas zu sehen, einzelne Restbauten verschwinden zwischen Bewuchs und Neubauten.

Ausblick: Was bleibt, was verschwindet

Viele Spandauer Lost Places verschwinden in den nächsten Jahren. Die Siemensbahn wird reaktiviert und die Bahnhöfe saniert. Siemensstadt Square überbaut die Industrieflächen bis 2030. Einzelne Kasernenareale werden Wohngebiete, der Berliner Mauerweg wird touristisch weiter erschlossen.

Wer Spandau in diesem Übergang erleben will, hat noch ein paar Jahre Zeit, danach wird der Bezirk an vielen Stellen anders aussehen. Bleiben werden die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin lesen kann.

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Matthias Wenniger
Matthias Wenniger
Freier Journalist

Freiberuflicher Journalist, geboren und aufgewachsen in der Spandauer Neustadt. Nach Jahren bei verschiedenen Berliner Lokalredaktionen zog es ihn zurück in den Heimatbezirk. Schreibt am liebsten über Menschen, die Spandau prägen.

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