Wer durch die Spandauer Altstadt geht, läuft buchstäblich über Geschichte. Unter den Pflastersteinen liegen Reste einer slawischen Siedlung, in den Wallanlagen der Zitadelle steckt der älteste erhaltene Profanbau Berlins, und in den Backsteinhallen von Siemensstadt arbeiteten einmal mehr als 60.000 Menschen.
Spandau ist der Bezirk, der gerne betont, dass er älter ist als Berlin. Die Belege geben ihm recht. Diese Chronik führt vom slawischen Burgwall des 8. Jahrhunderts bis zum Innovationsquartier Siemensstadt 2.0.
- Slawische Anfänge: Die Burg Spandow am Zusammenfluss
- Stadtrecht 1232: Älter als Berlin
- Spätmittelalter: Verlust der Handelsroute
- Reformation und Festungsbau
- Dreißigjähriger Krieg und preußische Garnisonsstadt
- 1903: Aufhebung des Festungsstatus und Industrialisierung
- 1920: Spandau wird Berliner Bezirk, gegen den eigenen Willen
- NS-Zeit, Krieg und britischer Sektor
- Das Alliiertengefängnis und Rudolf Heß
- Nach 1990: Strukturwandel und Neuanfang
- Ausblick: Was in den nächsten Jahren entsteht
- Quellen
Slawische Anfänge: Die Burg Spandow am Zusammenfluss
Die Geschichte Spandaus beginnt nicht mit einer Stadtgründung, sondern mit einer Lage. Wo Havel und Spree zusammentreffen, lag schon im 8. Jahrhundert eine slawische Siedlung der Heveller. Bis zum Ende des 10. Jahrhunderts entwickelte sich daraus ein befestigter Burgwall.1
Archäologische Funde belegen, dass sich im 11. Jahrhundert auf dem Gelände der heutigen Zitadelle eine slawische Befestigungsanlage befand. Erst 1157, als das Havelland endgültig unter die Herrschaft Albrechts des Bären fiel, endete diese frühe Blütezeit. Urkundlich greifbar wird Spandau 1197, als ein "Everardus advocatus in Spandowe" in einer Urkunde Markgraf Ottos II. erscheint.2
Stadtrecht 1232: Älter als Berlin
Am 7. März 1232 stellten die Markgrafen Johann I. und Otto III. eine Urkunde aus, die in Spandau bis heute gefeiert wird. Sie bestätigt, dass Spandau bereits Stadtrechte besaß, und gewährt zusätzliche Privilegien, darunter den Bau eines Flutkanals, des Vorgängers der späteren Schleuse.3
Älter als Berlin
Spandau ist 1232 erstmals als Stadt belegt, fünf Jahre vor der 1237 erstmals erwähnten Doppelstadt Berlin/Cölln. Etwa zur Mitte des 13. Jahrhunderts entstand die Nikolaikirche als Kaufmannskirche an der Straße vor der Havelquerung, ungefähr zeitgleich mit der Berliner Nikolaikirche.
Spätmittelalter: Verlust der Handelsroute
Im Spätmittelalter änderten sich die Machtverhältnisse. Die askanischen Markgrafen leiteten die wichtige Handelsstraße von Magdeburg nach Osten um und führten sie an der heutigen Zitadelle vorbei nach Berlin. Damit förderten sie die jungen Kaufmannssiedlungen Berlin und Cölln zu Lasten Spandaus.4
Spandau verlor an überregionaler Bedeutung, blieb aber wichtiger lokaler Marktort. Von der mittelalterlichen Burg sind heute noch Bergfried (der heutige Juliusturm) und Palas erhalten, die im Kern der späteren Zitadelle stecken.5
Reformation und Festungsbau
1539: Joachim II. und die Reformation
Auf der mittelalterlichen Burg legte 1539 Kurfürst Joachim II. von Brandenburg den Eid auf die lutherische Lehre ab, ein wichtiger Schritt für die Einführung der Reformation in Brandenburg. Spandau wurde damit auch konfessionsgeschichtlich zu einem markanten Ort.6
Die Renaissance-Zitadelle (1559 bis 1594)
Wenig später entschied sich der Kurfürst zum Neubau einer zeitgemäßen Festung um die alte Burg herum. Die symmetrische Anlage entstand zwischen 1559 und 1594 mit vier Bastionen:
- Königin (1558 bis 1578 nach Entwürfen Chiaramellas)
- König
- Kronprinz
- Brandenburg
Als Baumeister wirkten Francesco Chiaramella de Gandino und sein Nachfolger Rochus Graf zu Lynar. Die Zitadelle gilt heute als eine der besterhaltenen Festungen der Hochrenaissance in Europa und ist bis heute Wahrzeichen des Bezirks.7
Dreißigjähriger Krieg und preußische Garnisonsstadt
Im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) musste der brandenburgische Kurfürst Georg Wilhelm im Mai 1631 die Zitadelle dem schwedischen König Gustav II. Adolf öffnen, ein Symbol für die schwache Stellung Brandenburgs. Nach dem Krieg legte Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, die Grundlage für Spandaus militärische Zukunft: Spandau wurde Garnisonsstadt, ein Status, der die nächsten zweieinhalb Jahrhunderte prägen sollte.8
1722: Die Königliche Preußische Gewehrfabrik
1722 gründete König Friedrich Wilhelm I. die Königliche Preußische Gewehrfabrik. Pulvermühlen, Gewehrfabriken und Feuerwerkslaboratorien entstanden, unter anderem auf der Havelinsel Eiswerder. Am Ende des 18. Jahrhunderts machten militärische Personen zwischen einem Drittel und der Hälfte der gesamten Stadtbevölkerung aus.9
Napoleonische Kriege und Festungsausbau
Nach den preußischen Niederlagen bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 kapitulierte die Festung Spandau kampflos vor den französischen Truppen. Erst im März 1813 belagerten russische und preußische Truppen die Stadt, am 23. April 1813 kapitulierten die Franzosen.10
Im 19. Jahrhundert wurde Spandau zu einer der stärksten preußischen Festungen ausgebaut. Das hatte einen hohen Preis: Wohnhäuser durften nur innerhalb einer engen Bannmeile errichtet werden. Spandau platzte aus allen Nähten, ohne sich ausdehnen zu dürfen.
1903: Aufhebung des Festungsstatus und Industrialisierung
Erst die Aufhebung des Festungsstatus 1903 öffnete der Stadt neue Möglichkeiten. Spandau wurde dank seiner Lage zwischen den Wasserstraßen Havel und Spree und an wichtigen Eisenbahnlinien zu einem attraktiven Standort für die Privatindustrie.11
Schon Jahre zuvor hatte ein Unternehmer das Potenzial erkannt. 1897 erwarb die Siemens & Halske AG ein gut 209.000 Quadratmeter großes Areal auf dem sogenannten Hühner-Werder:
Fast unbewohntes und praktisch unzugängliches Gelände aus Wald, Wiesen, Heide und Feuchtgebieten.
Am 1. August 1899 nahm Siemens & Halske dort das "Kabelwerk Westend" in Betrieb, das gilt offiziell als Geburtsstunde der Siemensstadt. Es folgten das Werner-Werk I (1903 bis 1905) und das Werner-Werk II (1914 bis 1929). 1914 beschlossen die Spandauer Stadtverordneten, dem neuen Industrie- und Wohngebiet den Namen "Siemensstadt" zu geben.12
Ein Konzern, ein Stadtteil
Siemensstadt ist der seltene Fall eines Berliner Stadtteils, der buchstäblich aus einem einzigen Unternehmen hervorgegangen ist. Auf dem Höhepunkt arbeiteten dort mehr als 60.000 Menschen.
1920: Spandau wird Berliner Bezirk, gegen den eigenen Willen
Die Eingemeindung nach Groß-Berlin stieß in Spandau auf heftigen Widerstand. Schon bei der Grundsteinlegung des neuen Rathauses 1911 rief ein Stadtrat bei seinen Hammerschlägen:
Es schütze uns des Kaisers Hand vor Groß-Berlin und Zweckverband!
Am 17. Juli 1919 nahmen die Stadtverordneten einstimmig eine Resolution an, in der sie die kommunale Selbstständigkeit Spandaus für unantastbar erklärten. Geholfen hat es nicht. Am 27. April 1920 verabschiedete die preußische Landesversammlung das Groß-Berlin-Gesetz, am 1. Oktober 1920 trat es in Kraft.13
Spandau wurde der achte Bezirk Berlins, die Fläche fast verdoppelte sich durch die Hinzunahme umliegender Landgemeinden auf rund 8.969 Hektar. Die Identität blieb. "Berlin bei Spandau", lautet ein bis heute beliebter Lokalwitz.
NS-Zeit, Krieg und britischer Sektor
Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit
Im nationalsozialistischen Rüstungsprogramm spielte Spandau eine zentrale Rolle. Pulverfabriken, das Werner-Werk und zahlreiche Zulieferer arbeiteten unter Hochdruck. Ab den 1940er Jahren kamen auch Zwangsarbeiter zum Einsatz, eine Geschichte, die in Spandau erst spät systematisch aufgearbeitet wurde.
Zerstörung und Fall 1945
Ab 1942 wurde Spandau wiederholt Ziel alliierter Luftangriffe. Ein verheerender Tagesangriff am 28. März 1945 zerstörte große Teile der Spandauer Altstadt. Am 1. Mai 1945 fiel Spandau im Vormarsch der Roten Armee.14
Vier Jahrzehnte britischer Sektor
Ab Mitte 1945 gehörte Spandau zum britischen Sektor Berlins. Eine kuriose Folge der Sektorenaufteilung war die Trennung des Ortsteils Staaken: Weil die Briten den Flugplatz Gatow für ihre Luftbrücke benötigten, kam West-Staaken zur sowjetischen Besatzungszone und später zur DDR. Erst 1990 kehrte West-Staaken zurück.15
Während der Berlin-Blockade 1948/49 wurde der britische Militärflughafen Gatow neben Tempelhof zum wichtigsten Tor zur Luftbrücke. In den 1950er und 1960er Jahren erlebte Spandau einen Bauboom mit Wohnsiedlungen wie dem Falkenhagener Feld und der Heerstraße Nord. Die britische Armee blieb bis 1994 präsent.
Das Alliiertengefängnis und Rudolf Heß
Ab 1947 saßen im Kriegsverbrechergefängnis in der Wilhelmstraße die im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess verurteilten NS-Funktionäre ihre Strafen ab, darunter Albert Speer, Karl Dönitz, Baldur von Schirach und Rudolf Heß.16
Das Gefängnis stand unter Vier-Mächte-Verwaltung. Die Bewachung wechselte monatlich zwischen Sowjets, Briten, Franzosen und Amerikanern, ein einzigartiger Fall fortgesetzter Zusammenarbeit der Alliierten im sonst geteilten Berlin.
Ab 1966 saß Rudolf Heß als einziger Häftling in dem schwer bewachten Gebäude. Mehr als zwanzig Jahre lang verbrachte er dort weitgehend allein. Am 17. August 1987 wurde Heß tot in seiner Zelle aufgefunden, die offizielle Todesursache war Suizid.17
Trümmer in die Nordsee
Noch 1987 wurde das Gefängnis abgerissen, um zu verhindern, dass es zu einer Pilgerstätte der rechtsextremen Szene würde. Die Trümmer wurden zermahlen und in der Nordsee verklappt. Auf dem Gelände entstand das Britannia Centre Spandau. Mehr in unserer Übersicht Lost Places in Spandau.
Nach 1990: Strukturwandel und Neuanfang
Schließung Gatows und Siemens-Rückbau
Mit dem Mauerfall 1989 veränderte sich Spandaus Lage grundlegend. West-Staaken kehrte zum Bezirk zurück, der Flughafen Gatow wurde 1994 mit dem Abzug der britischen Truppen geschlossen und beherbergt heute das Militärhistorische Museum der Bundeswehr.18
Gleichzeitig setzte ein industrieller Strukturwandel ein. Siemens reduzierte schrittweise seine Produktion in Berlin, Tausende Arbeitsplätze gingen verloren, viele Industrieareale lagen brach. Ein wichtiger Schritt war 1998 die Eröffnung des Bahnknotens Berlin-Spandau mit Anschluss an den Fernverkehr, gefolgt 2002 von der U-Bahn-Verbindung zur Spandauer Altstadt.19
Wasserstadt Oberhavel: Stadt aus dem Reißbrett
Schon 1992 hatte der Berliner Senat die Wasserstadt Berlin-Oberhavel beschlossen. Auf rund 206 Hektar zu beiden Seiten der Havel sollten ehemalige Industrie- und Militärflächen in ein neues Wohn- und Arbeitsquartier verwandelt werden. Bis 2027 sollen weitere Tausende Wohnungen entstehen, im weiteren Umgriff sind bis zu 13.250 Wohnungen vorgesehen.20
Siemensstadt 2.0 ab 2018
2018 kündigte Siemens an, an seinen Berliner Wurzeln einen Innovationscampus zu errichten. Auf rund 70 Hektar entsteht "Siemensstadt 2.0", auch "Siemensstadt Square" genannt. Bis 2030 soll dort ein modernes Quartier wachsen, das Forschung, Produktion, Wohnen und Arbeiten verbindet. Siemens investiert rund 600 Millionen Euro.21
Ein erstes Vorzeigeprojekt ist das Werner-von-Siemens Centre for Industry and Science, an dem neben Siemens auch die TU Berlin, die Fraunhofer-Gesellschaft und die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung beteiligt sind. Themenschwerpunkte sind dezentrale Energiesysteme, Elektromobilität, Industrie 4.0 und maschinelles Lernen.
Ausblick: Was in den nächsten Jahren entsteht
Die kommenden Jahre könnten Spandau stärker verändern als jedes Jahrzehnt seit der Eingemeindung 1920. Drei Großprojekte greifen ineinander.
Die Wasserstadt Oberhavel wächst bis 2027 in ihre Endphase, im weiteren Umgriff entstehen bis zu 13.250 Wohnungen. Die Siemensstadt 2.0 soll bis 2030 von der Brache zum CO2-neutralen Innovationsquartier werden, mit Forschung, Produktion, Schulen und mietpreisgebundenem Wohnraum auf 70 Hektar. Und die Siemensbahn wird zwischen Jungfernheide und Gartenfeld reaktiviert, die seit 1980 stillgelegte Strecke geht voraussichtlich Ende der zwanziger Jahre wieder in Betrieb.22
Dazu kommen mittelfristig die Diskussion über eine Verlängerung der U7 Richtung Heerstraße Nord und Staaken, eine seit Jahrzehnten unerledigte Forderung der Spandauer Politik, sowie der weitere Umgang mit den ehemaligen Militärflächen entlang des Brunsbütteler Damms.
Was sich nicht ändert, ist die Lage am Wasser. Havel und Spree, einst Gründungsgrund einer Slawenburg, bleiben der Anker für die nächsten Kapitel.