Spandau ist nicht der Bezirk, in dem Berlins Prominenz von alleine wohnen geht. Wer mit dem Bezirk verbunden ist, hat dafür meist einen handfesten Grund: weil hier produziert, regiert, gebaut oder eingesessen werden musste.
Diese Liste versammelt zehn Persönlichkeiten, deren Spandauer Bezug dokumentiert und belegbar ist, vom Reformator bis zum Influencer. Den historischen Rahmen liefert die Geschichte Spandaus.
1. Joachim II. Hektor

- Lebensdaten: 1505 bis 1571
- Funktion: Kurfürst von Brandenburg
- Spandau-Bezug: Reformations-Bekenntnis 1539 in der Nikolaikirche
- Spuren heute: Bronzestatue am Reformationsplatz (Erdmann Encke, 1889)
Am 1. November 1539 ließ Joachim II. sich in der Spandauer Nikolaikirche das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen und legte damit das Bekenntnis Brandenburgs zur Reformation ab. Damit wurde Spandau zum Geburtsort des evangelischen Brandenburg.1
Joachim II. prägte den Bezirk aber auch baulich. Ab 1559 ließ er die Zitadelle Spandau zu einer modernen Festung nach italienischem Vorbild ausbauen, heute eine der besterhaltenen Renaissancefestungen Europas. Religion und Wehrbau, beide Spuren dieses Kurfürsten lassen sich in Spandau bis heute besichtigen.
2. Werner von Siemens

- Lebensdaten: 1816 bis 1892
- Funktion: Erfinder, Unternehmensgründer
- Spandau-Bezug: Konzern gründete 1899 die Siemensstadt
- Spuren heute: Werner-Werk-Gebäude, Wernerwerkdamm, S-Bahnhof Wernerwerk
Werner von Siemens hat in Spandau nie gewohnt, und doch wäre der Bezirk ohne ihn ein anderer. Sein Unternehmen kaufte 1897 das Areal des sogenannten Hühner-Werder, am 1. August 1899 nahm dort das Kabelwerk Westend den Betrieb auf.2
1914 beschlossen die Spandauer Stadtverordneten, dem neuen Industrie- und Wohngebiet den Namen Siemensstadt zu geben. Ein einzelner Konzerngründer brachte posthum einen ganzen Stadtteil hervor.
3. Hans Scharoun

- Lebensdaten: 1893 bis 1972
- Funktion: Architekt (organische Moderne)
- Spandau-Bezug: Generalplan Großsiedlung Siemensstadt (1929 bis 1934)
- Spuren heute: UNESCO-Welterbe seit 2008, geschwungene Wohnzeilen Goebelstraße
Hans Scharoun ist der Architekt, dem Spandau die spektakulärste Wohnbauanlage seiner Geschichte verdankt: die Großsiedlung Siemensstadt am Jungfernheideweg. Scharoun lieferte den Generalplan und gestaltete mehrere Wohnzeilen selbst.3
Berlin verdankt ihm später auch die Philharmonie. In Spandau ist seine Handschrift an den geschwungenen Wohnblöcken nördlich der Goebelstraße unverkennbar, in der Nachbarschaft Panzerkreuzer genannt.
4. Hugo Häring

- Lebensdaten: 1882 bis 1958
- Funktion: Architekt, Theoretiker des organischen Bauens
- Spandau-Bezug: Wohnzeilen in der Großsiedlung Siemensstadt
- Spuren heute: Bauten an der Goebelstraße, UNESCO-geschützt
Hugo Häring, einer der theoretisch tiefsten Köpfe des organischen Bauens, war neben Scharoun einer der Architekten der Großsiedlung Siemensstadt. Er entwarf lange Wohnzeilen entlang der Goebelstraße, deren leicht versetzte Grundrisse seine Idee einer leistungsformbezogenen Architektur konkret machten.4
Häring war Mitbegründer des Architektenbundes Der Ring, der die deutsche Avantgarde der späten Zwanziger bündelte. Seine Spandauer Wohnzeilen gehören seit 2008 zum UNESCO-Welterbe und gelten als gebautes Manifest des organischen Bauens, das auch seinen Weggefährten Scharoun prägte.
5. Walter Gropius

- Lebensdaten: 1883 bis 1969
- Funktion: Bauhaus-Gründer, international bekannter Architekt
- Spandau-Bezug: Zwei Wohnzeilen in der Großsiedlung Siemensstadt (1930)
- Spuren heute: östlichste Blöcke entlang der Goebelstraße
Walter Gropius, Bauhausgründer und einer der wenigen international berühmten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts, hat in Spandau zwei Wohnzeilen der Großsiedlung Siemensstadt entworfen. Es sind die östlichsten Blöcke entlang der Goebelstraße, schlicht, weiß, mit klaren Bandfenstern.5
Für Gropius war Siemensstadt eines der wenigen Berliner Bauprojekte vor seiner Emigration 1934. Über die USA, wo er später in Harvard lehrte, wurde er zu einem der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Seine Spandauer Blöcke zählen heute zum UNESCO-Welterbe der Siedlungen der Berliner Moderne.
6. Maximilian "HandOfBlood" Knabe

- Lebensdaten: geboren 1992 in Salzgitter
- Funktion: YouTuber, Streamer, eSports-Unternehmer
- Spandau-Bezug: gründete 2021 eSports-Org Eintracht Spandau, lebt im Bezirk
- Heute: Standort in der Spandauer Altstadt seit 2024
Knabe, im Netz HandOfBlood, ist der erste Wahlspandauer dieser Liste. Aufgewachsen im Braunschweiger Raum, machte er sich als YouTuber, Streamer und eSports-Moderator einen Namen. 2021 gründete er die eSports-Organisation Eintracht Spandau und entschied sich bewusst für den Berliner Bezirk als Markenheimat.6
Sein Startup hat 2024 Räume in der Spandauer Altstadt bezogen. Eintracht Spandau spielt in der League of Legends Prime League auf vorderem Niveau. Ein seltener Fall einer kulturellen Adoption: ein junger Unternehmer entscheidet sich für den Westen Berlins und macht den Bezirksnamen zur Marke.
7. Albert Speer

- Lebensdaten: 1905 bis 1981
- Funktion: Hitlers Architekt, später NS-Rüstungsminister
- Spandau-Bezug: Haft 1947 bis 1966 im Alliiertengefängnis
- Literarisch: Spandauer Tagebücher (umstrittene Selbststilisierung)
Hitlers Architekt und ab 1942 NS-Rüstungsminister, wurde im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Diese Strafe verbüßte er vollständig im Alliiertengefängnis Spandau, vom 18. Juli 1947 bis zum 1. Oktober 1966.7
Speers Spandauer Jahre sind durch seine später erschienenen Spandauer Tagebücher weltweit bekannt geworden. Mehr zum Gefängnis in unserer Übersicht Lost Places in Spandau.
8. Rudolf Heß

- Lebensdaten: 1894 bis 1987
- Funktion: Hitlers ehemaliger Stellvertreter
- Spandau-Bezug: Haft 1947 bis 1987 im Alliiertengefängnis
- Besonderheit: ab 1966 einziger Häftling, gut 40 Jahre Spandau
Hitlers früherer Stellvertreter, in Nürnberg zu lebenslanger Haft verurteilt, saß von Juli 1947 bis zu seinem Tod am 17. August 1987 im Gefängnis Spandau, ab 1966 als einziger verbliebener Häftling. Mehr als zwanzig Jahre lang verbrachte er dort weitgehend allein.8
Sein Tod löste das Ende des Gefängnisses aus, das innerhalb von Monaten abgerissen und dessen Trümmer in der Nordsee versenkt wurden, um eine Wallfahrtsstätte für die rechtsextreme Szene zu verhindern.
9. Helmut Kleebank

- Lebensdaten: geboren 1968
- Funktion: Bezirksbürgermeister Spandau 2011 bis 2021 (SPD)
- Vorher: Lehrer und Schulleiter in Spandau
- Heute: Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses
Helmut Kleebank war zehn Jahre lang Bezirksbürgermeister von Spandau und damit der dienstälteste Spandauer Bezirkschef der Nach-2000er-Jahre. Vor seiner Amtszeit war er Lehrer und Schulleiter in Spandau, eine Biographie nahe an Bildungs- und Quartiersthemen.9
Unter seiner Amtszeit fielen die ersten Großentscheidungen rund um Siemensstadt Square, der Ausbau der Wasserstadt Oberhavel und die Reaktivierungsplanung der Siemensbahn.
10. Kai Wegner

- Lebensdaten: geboren 1972
- Funktion: Regierender Bürgermeister Berlins (seit April 2023)
- Spandauer Stationen: BVV 1995-1999, MdB für Wahlkreis Spandau 2005-2021
- Partei: CDU
Kai Wegner ist Spandaus prominentester aktiver Politiker. Seine Laufbahn begann in der Bezirksverordnetenversammlung Spandau, gefolgt vom Berliner Abgeordnetenhaus und einem Bundestagsmandat für den Wahlkreis Spandau-Charlottenburg Nord.10
Seit April 2023 ist er Regierender Bürgermeister von Berlin und damit der erste Berliner Senatschef der CDU seit zweiundzwanzig Jahren. Für die lokale Politik bedeutet das kurze Wege in Senatsfragen.
Ausblick: Wer als nächstes hier stehen könnte
Spandau bringt nicht jeden Monat einen Promi heraus, und das ist auch in Ordnung. In den nächsten Jahren entstehen mit Siemensstadt Square und der Wasserstadt Oberhavel aber zwei der größten Berliner Stadtentwicklungsprojekte direkt im Bezirk, was neue Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Akteure anziehen wird.
Auch jenseits der großen Namen erzählt Spandau seine Geschichte über Menschen: über Reformatoren und Architekten, über Häftlinge und Lokalpolitiker, über Unternehmer, die den Bezirksnamen zur Marke machen. Diese Mischung aus Weltgeschichte und Lokalkolorit ist typisch für einen Bezirk, der lange als Berlins eigenständigste Stadt galt und seine Prominenz nie nötig hatte, um sich zu behaupten.